Archiv für den Monat: Mai 2019

Briefmarkenmesse Essen 2019 – Reminiszenzen

Noch zwei Tage findet die größte und der Welt älteste Briefmarkenmesse statt. Wie von Teilnehmern zu hören, war der Besuch am ersten Tag sehr erfreulich. Philatelie-Digital sagt: Wunderbar! Doch ergeben sich damit auch interessante Bezüge. Der eine findet sich im Ausland, in Frankreich.  Denn auf der Frühjahrsmesse in Paris (Salon de Printemps) wurden an drei Tagen (14.-16. März) 7370 Besucher gezählt, wie das Maiheft von Timbre Magazine (Mai) berichtet. Das müßte in Essen eigentlich an einem Tag, also am Donnerstag, erreicht worden sein.

Erfreulich auch die Anerkennung, der Jan Billion, Veranstalter der Messe, durch ein Interview der Tageszeitung „Die Welt“ zuteil wurde (8. Mai, „Wer sammelt denn heute schon Briefmarken?“). Souverän beantwortete er darin naheliegende kritische Fragen zum allgemeinen Auftritt der Philatelie heute. Es waren, wie könnte es anders sein bei der Tagespresse, Fragen aus dem Hüftgelenk. Aber immerhin noch geistreiche.

Billion stellt dabei als wesentliche Erklärung für die Abwärtsbewegung – allein – im Neuheitensektor die Ausgabepolitik der Postunternehmen heraus. Deutschland mit seinem Herausgeber, dem Bundesfinanzminister, und einer mit Kartonphilatelie umsatzschachernden Deutschen Post AG (das sagte er nicht!) kommt dabei gut weg – indem selbige nicht erwähnt werden. Nun ja. Das Ganze nennt man selektive Wahrnehmung bzw. Realitätsverengung oder was auch immer, die natürlich auch der Messeteilnahme der Bonner mit ihrer Versandstelle geschuldet ist – Messen sind teuer und die Post zahlt gut mit ihren großen Messeständen. Das nun ist keine selektive Wahrnehmung, das ist Realitätssinn. Doch wie weit geht der?

Denn die Katastrophendaten für den gesamten deutschen Briefmarkenmarkt  sind nun mal bekannt: 1.7.2002 (Ungültigwerden der DM-Marken) und 1.7.2003 (Umtauschende für DM-Marken). Beide kommen in Billions knackiger Kurzanalyse nicht vor. Andererseits sind selbige Zusammenhänge von einem fachfremden Redakteur offenkundig nicht zu erwarten, folglich auch kein darauf basiertes kritisches Nachfragen. Warum nicht? Ein kurzes „googeln“ würde jedenfalls schon helfen.

Also dann! Im Bild zwei postfrische Bogen, Bogenware sagt der Markt dazu:

  _

Bund, Mi. 2014, „Gret Palucca“, aus dem Jahr 1998, im 10er-Schalterbogen mit Gesamtnominale 44 DM (22,50 €) wird am 11. Mai 2019 mit 3,50 Euro ausgerufen.  Eine der schönsten  je erschienenen Sondermarken nach 1945  von Berlin, die „Madonna“ aus dem Satz „Kunstschätze“, hier  im 50er-Schalterbogen, in den Markenkatalogen mit 45 Euro notiert, wird seit Jahren für 10 Prozent vom Katalogwert verramscht. 5 Euro für 50 Mark. Das ist noch viel, sehr viel. Um der wirklichen Wahrheit die Ehre zu geben: Diese wie andere Markenneuheiten der 60er Jahre sind im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrtausends unverkäuflich. Die Marktwerterosion dieser wunderbaren Stichtiefdruckausgabe aus dem Jahr 1967 steht für die des gesamten deutschen Neuheitenmarktes und damit einhergehend für fast den gesamten Sammelmarkt der nach 1949 auf deutschem Boden erschienenen Briefmarken. Das haben wesentlich, ganz wesentlich die Ereignisse von 2002 und 2003 bewirkt. Das erschreckende, jahrzehntelang dumme Kaufverhalten der Neuheitensammler mit ihrem „Wertsteigerungsgedusel“ und der fatalen Michelwerte-Gläubigkeit sind in ihrer Tragweite für diese Entwicklung von weit nachrangiger Bedeutung.

Es war ja zu Beginn von Bezügen die Rede: Frankreich mag dürftig besuchte Messen haben (die Messe im Herbst – „Automne“ – ist nur unwesentlich besser). Frankreich mit seiner verbliebenen  Fachpresse Timbre Magazine (hervorragend!)  mag, wie üblich übersteigert und euphorisch „gut besuchte“ événements kommunizieren. Man kennt das ja auch zur Genüge auf allen höheren Ebenen, vor allem jenen der Politik. Frankreich aber mit seiner praktischen Setzung des raison d´etre und des bon sens  erlaubt seinen Postkunden und damit auch den Sammlern und damit den Besitzern von Altwährungsmarken BIS HEUTE den Aufbrauch dieser Franc-Marken beim Versand der Korrespondenz! Gleiches geschieht in Italien und in Belgien. Dem kleinen Mann im Hexagon geht folglich seit 17 Jahren kein Geld verloren. Einen dramatischen philatelistischen Wertverfall kennt unser Nachbarland seit 2002 nicht. Das zeigt sich spiegelbildlich und realiter völlig absurd in den  hohen Preisgestaltungen  deutscher Markenangebote auf den Plattformen Delcampe und Ebay.fr! Betrachtung am Rande hierzu: Im traditionell international ausgerichteten Messeort Essen sollen deutsche Händler ihre Standardware für unerwartet stolze Preise anbieten – fernab jeder Internetplattformrealität. Wie kann das gehen, vielleicht sogar aufgehen? Ganz einfach: Für ausländische Sammler ist deutsche Philatelie werthaltig! Noch!

Es war oben von Reminiszenzen im Plural die Rede. Auf eine wohl eher journalistisch angehauchte stieß der Schreiber durch Zufall (das Vergessen macht es möglich!). Die 3. Briefmarkenmesse in Essen fand 1980 statt, mit einer Dauer noch von vier Tagen (15.- 19. November). Der damalige Besucher respektive Sammler deutscher Neuheiten konnte bei Eintritt nur staunen. Denn er bekam stattliche Wochen vor Erscheinen erstmals die für Anfang Januar vorgesehene Automatenmarke (ATM) zu Gesicht! Ein Vignettenblock kündigte das „neue Briefmarken-Zeitalter“ an! Produziert wurde das Souvenir vom Händlerverband APHV.  Der also, nimmt man mal die Druckvorlaufzeit, wußte folglich schon früh, wie die neue Markenrevolution aussieht! Heute ist die Vignette ein billiges Vergnügen, damals war sie höchst begehrt. Für den ATM-Sammel-Allrounder ist sie ein Pflichtsammelstück – sie zeigt die Automationsneuheit erstmals im Bild!
Essen war für den neugierigen Sammler eben immer interessant und eine Reise wert! — Philatelie-Digital 6/2019

Nachtrag: Leser H. Schlebusch war auf der Messe Essen und teilt Philatelie-Digital mit, daß die Matrix-ATM (s. vergangene Berichte zu dieser Test-Ausgabe!) am Stand der Versandstelle NICHT erhältlich war. „Chance vertan“, urteilt der Leser zu Recht. Weiter schreibt er: „Am Service-Point konnte man die ATM aber immerhin (versandkostenfrei unter €20,-) bestellen. Druckdatum auf den ATM? Lieferdatum? So richtig festlegen konnte oder wollte man sich nicht.“